Rede zur Eröffnung der Ausstellung in der VR Bank am 22.11.2013 - Doro Corts, Vorsitzende mitein-anders e.V.

Die Entwicklung unserer Gesellschaft ist von tief greifenden Veränderungen betroffen und provoziert geradezu den Ruf nach Reformen. Ob es sich nur um die Lupe am Einkaufswagen handelt oder um die aktuellen Debatten um Kranken- und Rentenversicherung - dass die Gesellschaft immer älter wird, lässt sich bereits jetzt an vielen Zeichen ablesen. Der jüngste Demografiebericht der Bundesregierung rechnet vor, "dass im Jahr 2060 jeder Dritte 65 Jahre oder älter sein wird".

Doch trotz der beängstigenden Zahlen und Fakten träumen 80 Prozent aller Erwachsenen immer noch vom Einfamilienhaus. Eine Wohnform, die im Alter schnell zum Alptraum werden kann, weil Treppen nicht mehr begangen, Gärten nicht mehr gepflegt, Einkaufsmöglichkeiten nicht mehr erreicht werden können. Aber es gibt bereits vielerorts Alternativen hierzu!

Im Bereich Wohnen wächst bundesweit die Nachfrage nach gemeinschaftsorientiertem, selbst bestimmtem, generationsübergreifendem Wohnen. Dabei geht es um deutlich mehr als nur ums Wohnen. Es geht um ein sozial stabiles Gefüge, um lebendige Nachbarschaft, um den Aufbau sozialer Netzwerke, um den Austausch von Information, von Dingen und Diensten, auch um neues Arbeiten und Wirtschaften, um Kultur vor der Haustür, um ökologische Fragen, um persönliche Verantwortung für sich und andere, sowie um ein neues Verhältnis zu Freizeit und Arbeit.

Fünf Personen stehen um einen blauen Stehtisch und lächeln in die Kamera Ca. 20 Besucher der Austellungseröffnung stehen im Raum und schauen zum rechts im Bild stehenden Redner. Ein älterer Herr mit kurzen grauen Haaren im schwarzen Anzug.


Daraus folgt: Nur engagierte Bürger und die Förderung ihrer Eigeninitiative, ihrer Mitbestimmung und Eigenverantwortung lassen gesellschaftliche Reformen effizient und nachhaltig werden. Hier liegen Entwicklungs-Chancen, die sich gerade in der Alltagspraxis erfolgreicher Wohnprojekte zeigen. Sie können inmitten des gesellschaftlichen Umbruchs und des „Abschieds vom Sozialstaat“ positive Zeichen setzen.

Der gesellschaftliche Trend zur Individualisierung ruft bei vielen geradezu ein Bedürfnis nach bewusst gelebter Nachbarschaft zwischen den Generationen hervor. Wohnprojekte können nach innen für den einzelnen und die Familie fördernd wirken, nach außen können sie die Sozialstruktur in einem ganzen Stadtviertel positiv beeinflussen. In einer selbst organisierten Hausgemeinschaft oder einer solidarischen, familienfreundlichen Nachbarschaft können sich Singles, Paare, Kinder, Alleinerziehende, Behinderte und alte Menschen eher geborgen fühlen. Zusammenwohnen - aber mit individueller Rückzugsmöglichkeit - ist zunehmend gefragt.

Im gemeinschaftsorientierten Wohnen planen Menschen für sich und für lange Zeit, wo und vor allem wie sie leben wollen. Da sie für die eigene Zukunft planen, haben sie – im gegebenen finanziellen Rahmen – auch die Gestaltungsmacht, ihre Vorstellungen zu verwirklichen.

Für gemeinsames Wohnen interessieren sich junge Familien, die für ihre Kinder eine lebendige, gesunde und verlässliche Nachbarschaft „mit kurzen Wegen“ suchen.  Aber auch Singles oder kinderlose Paare zeigen Interesse an einem verbindlichen Wohnumfeld, um sich die Kontakte zu schaffen oder zu erhalten, die leicht durch das Berufsleben zu kurz kommen.  Alleinerziehende versprechen sich Erleichterung im Alltag für sich und ihre Kinder durch wechselseitige Hilfe in guter Nachbarschaft.  Ältere Menschen dagegen wollen nach der Familienphase mit einer selbst gewählten Gemeinschaft für sich ein anregendes und unterstützendes Umfeld schaffen und damit der Vereinsamung vorbeugen. Ein erheblicher Teil der an Wohnprojekten Interessierten aber sind Menschen kurz vor oder nach dem Eintritt in den Ruhestand, die ein gemeinschaftsorientiertes, selbst bestimmtes Wohnen unter den Aspekten „Sicherheit und Selbständigkeit“ suchen.  Das Zusammenwohnen von mehreren Generationen in nächster Umgebung und die große „Wahlfamilie“ ersetzen oft die Großfamilie von früher.

Und es versteht sich fast von selbst, dass auch Menschen mit Behinderungen in diese Strukturen gut zu integrieren sind und vom selbst gewählten Miteinander profitieren.

Neben den erwähnten Beweggründen für gemeinschaftsorientiertes Wohnen gibt es noch eine Reihe weiterer motivierender Vorteile gegenüber dem separaten Wohnen in Miete oder Wohneigentum: Gute Nachbarschaftsstrukturen können soziale Probleme schon im Entstehen auffangen und öffentliche Hilfen entlasten und ergänzen.  Wechselseitige Nachbarschaftshilfen senken Lebenshaltungskosten und entlasten Einrichtungen der Behinderten- oder Kinderbetreuung. Gute Nachbarschaft kann Eltern oder Alleinerziehenden die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit erleichtern und so ggf. die Sozialhilfe entlasten. Mietnebenkosten und Lebenshaltungskosten können gesenkt werden, z.B. durch eigene Hausverwaltung, gemeinschaftlich genutzte Geräte, car-sharing oder Gemeinschaftseinkäufe. Durch bewusstes Zusammenlegen von einzelnen Wohnfunktionen kann man individuelle Wohnflächen und damit Wohnkosten einsparen (z.B. Gästeappartements oder Gemeinschaftsräume für Familienfeiern und sonstige Aktivitäten, gemeinsam genutzte Werkstätten, Ateliers etc.).

Zusätzlich ist die nach eigenen Vorstellungen geplante Wohnung deutlich besser nutzbar und damit für den Einzelnen von höherer Wohnqualität. Auch können im Sinne der Inklusion gezielt Menschen mit Behinderungen integriert werden, da die Barrierefreiheit gleich mitgeplant wird.
Beim Wohnungsbau durch selbst organisierte Wohnprojekte, Haus- oder Baugemeinschaften kommt es nicht  auf quantitatives und billiges Bauen an, sondern auf ein qualitativ anderes Wohnen.

Die älter werdende Gesellschaft, die veränderten Familienstrukturen und die sich immer wieder neu bildenden Sozialstrukturen haben den Wohnprojekten in den letzten Jahren neuen Auftrieb gegeben. Was zunächst in Großstädten begann, findet sich heute auch in kleineren Kommunen und im ländlichen Raum. Wohnprojekte, insbesondere diejenigen, die genossenschaftlich organisiert sind, verfolgen neben ihre sozialen, bauökologischen und energetischen Zielen in der Regel die Verbesserung der Lebensumstände im unmittelbaren Wohnumfeld: Da werden Betreuungsplätze für Kinder, alte oder behinderte Menschen eingerichtet, Quartiers- oder Dorfläden betrieben und Cafés oder Begegnungsstätten geschaffen und unterhalten. Aus Wohnen wird Leben, denn es entstehen vielfältige Aktivitäten und Beziehungen, die immer über das eigene Wohnprojekt hinaus reichen. Kindergeburtstage werden im Gemeinschaftsraum des Wohnprojekts gefeiert, Yoga- oder Gymnastikgruppen bilden sich, gemeinsame Karten- oder Fernsehabende werden organisiert, Übungsräume für Musik- oder Theatergruppen entstehen, kurz: die Menschen finden wieder zueinander! Denn gemeinsam lässt sich vieles leichter und der Alltag um einiges vielfältiger gestalten.

In Bergisch Gladbach gibt es im Hinblick auf gemeinschaftliches Wohnen bisher nur ein Projekt: Es befindet sich im Stadtteil Hand am Diepeschrather Weg. Hier haben sich Ende der 1980er Jahre 14 junge Familien zusammengetan. Grundstückssuche und Grunderwerb wurden von der Stadt unterstützt, die baurechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Das Projekt ist bis heute sehr erfolgreich. Die Familien leben gerne zusammen, es gibt ein hohes Maß an Gemeinschaft, das Bauen war wirtschaftlich für die jungen Familien darstellbar, und architektonisch ist das Projekt auch nach 20 Jahren noch gelungen und vorbildlich.

Weitere Projekte gibt es bisher leider nicht. Gemeinschaftliches Wohnen im Alter – auch bei uns  eigentlich dringend erforderlich - existiert als Modell in Bergisch Gladbach noch gar nicht.

Dagegen werden in allen Stadtteilen neue Altenheime gebaut, eine Wohnform, die mit Recht von vielen Bürgerinnen und Bürger als Altersperspektive eher abgelehnt wird.

Dies zu ändern und die Idee des Gemeinschaftlichen Wohnens aufgreifend hat sich im Herbst 2011 eine Gruppe gefunden, die im Rahmen einer privaten Initiative andere Wohnprojekte realisieren möchte.

Im Verlauf von diversen Veranstaltungen kamen immer mehr Interessenten in Kontakt mit der  Initiative. Weitere Gespräche folgten, u. a. mit der Stadtplanung, dem Bürgermeister und den Ratsfraktionen. Und zunehmend wurde den Beteiligten klar, dass Wohnprojekte nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in den anderen Stadtteilen gefragt sind.  Das führte schließlich zu der Entscheidung, einen Verein zur Umsetzung dieser Ziele zu gründen.
Und auch das ist mittlerweile geschafft: Die kleine Projektgruppe mit der großen Idee des Mehrgenerationenwohnens in Bergisch Gladbach hat sich formiert und den Verein gegründet! Und gleich der Name ist Programm: mitein-anders  - heißt der neue Zusammenschluss  mit dem Zusatz: Verein zur Förderung neuer Wohnformen in Bergisch Gladbach und Region

Satzungsgemäßes Ziel dieses Verbandes ist es, in einer selbst gewählten Gemeinschaft Eigenverantwortung und Selbstbestimmung bis ins hohe Alter zu erhalten und dabei dem Grundgedanken der Inklusion zu folgen, wie er auch in der UN-Behindertenrechtskonvention zum Ausdruck kommt: behinderte und alte Menschen sollen in Gemeinschaft mit Jüngeren leben und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erfahren.

Der Verein unterstützt Personengruppen, die in Gemeinschaft von Jung und Alt wohnen wollen. Er ist nicht selber Bau- und / oder Betriebsträger von Wohnhäusern, sondern führt Informationsveranstaltungen durch, zeigt unterschiedliche Finanzierungs- und Trägerschaftsmodelle auf, bietet gegenseitigen Erfahrungsaustausch und möchte Politik und Öffentlichkeit für dieses wichtige Thema sensibilisieren – kurz, wird Anlaufstelle sein für alle, die in unserer Region andere  Lebensformen anstreben. Ebenso ist daran gedacht,  bereits  realisierte Projekte zu besichtigen und in den Erfahrungsaustausch mit den Projektentwicklern und Bewohnern zu treten. Gemeinschaftliches Credo ist:

Bezahlbarer Wohnraum in einer sozialen Stadt ist eine Herausforderung. Neue Wohnformen, die Angebote für alle Einkommensgruppen miteinander verbinden, sind ein Lösungsbeitrag.

Unter diesen Vorgaben haben Vereinsmitglieder eine Vorauswahl von infrage kommenden Grundstücken vorgenommen. Für ein Wohnprojekt der beschriebenen Art optimal geeignet halten sie speziell die Stadtmitte. Derzeit werden besonders in der Innenstadt städtebauliche Aufwertungen durch das Regionale 2010 Projekt stadt :gestalten durchgeführt. Von diesem Projekt ist in der östlichen Innenstadt der Bereich der Buchmühle stark betroffen. Das Buchmühlengelände lag viele Jahre wie eine klaffende Wunde mitten im Stadtgebiet. Inzwischen wurde eine Parkanlage errichtet und die Strunde freigelegt. Ergänzt und eingefasst werden muss dieser Park durch eine städtebaulich hochwertige Randbebauung im südlichen Bereich.

Der planungsrechtliche Rahmen für diese Bebauung soll in Kürze durch Änderung des dortigen Bebauungsplanes definiert werden. Es ist Wunsch der Gruppe, dass darin ein Grundstück für gemeinschaftliches Wohnen / Mehrgenerationenwohnen vorgesehen wird.

Der Bereich der Buchmühle sollte nicht ausschließlich für teuren Wohnraum zur Verfügung gestellt werden, hochwertige Seniorenwohnungen sind in unmittelbarer Nachbarschaft bereits vorhanden. Hier sollte in verdichteter Form Wohnraum für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen angeboten werden, damit hier ein attraktiver und vor allem belebter Teil der Innenstadt entsteht – eine Forderung, die gerade in jüngster Zeit – angesichts einiger Übergriffe in der Innenstadt – von vielen Seiten gestellt wurde. Denn wie schon vorab geschildert, leben in einem solchen Haus Menschen, die an Interaktion interessiert sind. Deren Strahlkraft wird nicht nur die umliegenden Geschäfte erreichen, sondern sich positiv im gesamten Innenstadtbereich bemerkbar machen.

Die im Verein organisierte Gruppe möchte nicht nur die Vorteile der zentralen Lage nutzen und sich untereinander stützen. Bestandteil des Konzepts ist auch eine enge Vernetzung mit der Nachbarschaft und ein Einbringen der zur Verfügung stehenden Ressourcen in Form von Engagement im sozialen und kulturellen Bereich (Hausaufgabenhilfe, Lesungen, Ausstellungen, Seniorenarbeit etc.). Zur Unterstützung dieser Ziele wurde vor einiger Zeit der Arbeitskreis Baukultur – ein Zusammenschluss von Architekten der Stadt angesprochen. Gemeinsam mit diesen Fachleuten wurde in mehrtägigen Workshops ein Vorentwurf entwickelt, der 36 Wohneinheiten unterschiedlicher Größen beinhaltet und im Erdgeschoss ein Cafe und weitere öffentliche Nutzungen vorsieht.

Jetzt kommt es darauf an, wie die Stadt mit dieser Vorgabe umgeht, ob Politik und Verwaltung die Wichtigkeit solcher Projekte auch für Bergisch Gladbach sehen. Und es kommt auf uns alle an – denn wenn viele Menschen an einer Umsetzung solcher Wohnformen interessiert sind und sie vehement einfordern, wird es anderes Wohnen in Zukunft auch bei uns geben.

Sollten Sie uns auf diesem Weg unterstützen wollen, so nehmen Sie mit uns Kontakt auf: Entweder hier gleich vor Ort oder auf unserer umfangreichen Internetseite. Wir freuen uns auf Sie!

Ein ganz großes Dankeschön möchte ich an dieser Stelle der VR Bank eG Bergisch Gladbach zollen. Denn nicht nur die heutige Ausstellung, die Wohnprojekte aus ganz Deutschland zeigt, wurde finanziell unterstützt, sondern gleich von Anbeginn unserer Aktivitäten war die VR Bank  mit Rat und Tat an unserer Seite. Sei es die Frage nach genossenschaftlichen Finanzierungsmodellen oder ganz profan die Kosten für den Internetauftritt immer fanden wir ein offenes Ohr und für manches auch eine Anschubfinanzierung. Daher an Sie, Herr Büscher, aber auch an Herrn Uedelhoven, Herrn Lutz, Herrn Drack und Frau Kulozik unser herzlicher Dank.

Als Vorsitzende dieses noch jungen Vereins bin ich mir sicher: Gemeinsam werden wir es schaffen!